Geschichte

Unter den Erzeugern von Nutzfahrzeugen kennt man in Österreich eine Reihe klingender Namen, keiner aber kennzeichnet dieses Gebiet treffender als der Name SAURER.

An einem sonnigen Julitag des Jahres 1906 trafen sich in Weyregg am Attersee drei Freunde, die erkannt hatten, dass die Zukunft eindeutig dem Automobil gehört. Österreich, damals noch die große Donau-Monarchie, besaß kein Werk, das Lastwagen oder Omnibusse baute. Oberingenieur M. Schwarzl, Betriebsleiter der internationalen Elektrizitätsgesellschaft, Franz Probst, Chef des Kabelbüros der gleichen Gesellschaft, waren bereit mitzumachen, wenn Ing. Alfred Radio-Radiis die Führung eines derartigen Betriebes übernehmen sollte.

Das erste Ereignis: der Verkauf eines französischen Aries-Lastwagens, auf dem man eine Paketwagenkarosserie montiert hatte, an die k. u . k. Postdirektion. Auch das Kriegsministerium prüfte eine ähnliche Konstruktion eingehend und selbst der Linzer Postdirektor interessierte sich für einen bergfreudigen Linienbus, der Steigungen von 20% bewältigen könnte.

Auf der Suche nach einem geeigneten Fahrzeug kam Ing. Radio-Radiis mit dem Schweizer Unternehmen Saurer in Kontakt, eine Beziehung, die für die weitere Entwicklung der Gesellschaft entscheidend war. Mit einem Lizenzvertrag kehrte der rührige Unternehmer aus Arbon nach Wien zurück: das Handelsministerium gab mehrere Omnibusse für die oberösterreichischen Postlinien und einen Paketwagen für die Dolomitenlinie in Auftrag. 1908 startete Ing. Radio-Radiis eine große Propagandafahrt, die zur vollsten Zufriedenheit der mitreisenden Behördenvertreter aus Wien verlief. Diese Fahrt war der Beginn eines sich von Jahr zu Jahr steigernden Verkaufs von Lastkraftwagen und Omnibussen in alle Teile der Monarchie. Selbst bis nach Dalmatien und Montenegro führten die Postlinien, auf denen der unverwüstliche Saurer-Bus Jahre hindurch seinen Dienst versah.

Zum Erfolg auf dem Postwagen-Sektor trat bald ein sensationeller Durchbruch des Saurer-Lastwagens in Handel und Verkehr. Während in der ersten Zeit der Produktion die Fertigfabrikate zum größten Teil direkt aus der Schweiz bezogen wurden, ging man in Wien langsam zu einer eigenen Herstellung über.

Auch der breiten Öffentlichkeit wollte Ing. Radio-Radiis die Vorzüge des Saurer-Wagens deutlich vor Augen führen: auf einer Konkurrenzfahrt mit verschiedenen in- und ausländischen Fabrikaten bestanden die drei Saurer-Fahrzeuge glänzend.

Kein Wunder, dass der erste Stockautobus der Stadt Wien, der auf der Strecke Stephansplatz – Nordbahnhof verkehrte, ein Saurer-35-PS-Wagen mit Kardanantrieb war und dass im Jahre 1912, auf der alten Glocknerstraße, mit Saurer-Bussen ein regelrechter Liniendienst eingerichtet werden konnte.

Der Erste Weltkrieg trieb die Produktion weiter voran: auf der Simmeringer Heide wurde in zehn Monaten eine komplette Fabrik aufgebaut, die sich auf die Erzeugung der altbewährten 4- und 5-Tonnen-Kettenwagen und der neuen 2- und 3-Tonnen-Kardanwagen spezialisierte. Umso trauriger aber war der Zusammenbruch des Unternehmens in den Inflationsjahren. Nur langsam und zögernd war es mit Hilfe früherer Handelsverbindungen möglich, das große Unternehmen von neuem in Gang zu bringen.

1927, als die größten Schwierigkeiten bereits überwunden schienen, wurde aus der ehemaligen „Kraftfahrzeuggesellschaft“ endgültig die „Oesterreichische Saurerwerke A.G.“. Zwei Jahre darauf war Saurer die erste Firma, welche Öffentlichkeit und Fachwelt mit einem Dieselmotor überraschte, der durch das sogenannte Doppelwirbelsystem allen anderen Dieselmotoren weit voraus war.

Mit dem Jahr 1938 sank nicht nur die österreichische Fahne, auch die Saurerwerke wurden „umgestellt“: die 2-, 3- und 6-Tonner mussten aufgelassen werden, einzig der 5-Tonnen-Wagen sollte in Großserie gefertigt werden.

Der März 1945 verwandelte die großen Werkshallen in ein unübersehbares Trümmerfeld. Mit Hilfe der treuen Belegschaft versuchte die Firmenleitung zumindest einen Bruchteil der früheren Produktion aufrecht zu erhalten. In kaum zehn Jahren jedoch erreichte die Produktion eine so beachtliche Höhe, dass die Saurer-Werke eine der leistungsfähigsten Nutzfahrzeugfabriken Österreichs wurden. In konstruktiver Hinsicht benutzte man die Zeit nach dem Zusammenbruch, um grundlegende Verbesserungen an den Fahrzeugen durchzuführen. So entstand der neue „Komet“- Motor, der sein Sinnbild aus dem Adelswappen der Familie Radio-Radiis bezog. Neben dem robusten 5-Tonnen-Wagen mit dem 6-Zylinder-„Komet“ rollten auch ein 4-Zylinder und ein 8-Zylinder mit neuen Fahrgestellen über die österreichischen Straßen.

Das Ausland war natürlich auf die erstaunlichen Fahrzeuge aufmerksam geworden. Als die Saurer-LKW bei einer außerordentlich schweren Wertungsfahrt in Jugoslawien denn Sieg errangen, erbat Jugoslawien in einem Lizenzvertrag auf längere Zeit hin die Lieferung von Fahrgestellen. Im übrigen exportierten die Saurer-Werke nach der Türkei, den Ländern des Vorderen Orients, nach Brasilien und Argentinien, nach Ägypten, Äthiopien und Südafrika.

1957, nach dem Ableben von Ing. Alfred RADIO-RADIIS und dem Tod seines Bruders Gaston 1959 in Südafrika, verkauften die Erben die Aktienmehrheit an die STEYR Daimler Puch AG Werke.

In einer Zeit überaus schwieriger Marktverhältnisse beschloss die Firmenleitung, den Betrieb der Steyr-Daimler-Puch A.G., dem größten Fahrzeugproduzenten Österreichs, anzugliedern. Saurer konnte dadurch nicht bloß sein Erzeugungsprogramm aufrechterhalten, durch den Zusammenschluss erhielt der Betrieb auch neue Aufgaben.

Saurer bot ein reichhaltiges Typenprogramm an. Im Vordergrund stand die Kipper-Reihe in verschiedenen Varianten mit Motorleistungen von 155, 170 und 210 PS in der 16 – 19 Tonnen-Klasse. Die Kipper, Zugmaschinen und Allrad-LKW von Saurer setzten sich im Straßenbau und Transportgewerbe rasch durch.

Die moderne Linie im Fahrzeugbau fand mit dem ebenso praktischen wie formschönen Frontlenker-Fahrerhaus und Motoren mit 210 und 230 PS ihren Ausdruck. Indem man bewusst an die Omnibus-Tradition der Gründerjahre anschloss, zogen die Konstrukteure des Unternehmens mit einem Großraum-Unterflurbus das Interesse von Fachwelt und Öffentlichkeit auf sich.

Saurer belieferte Bundesbahn und Post mit Autobussen, Zugmaschinen und Spezialfahrzeugen. Für das Bundesheer wurden Sonderfahrzeuge hergestellt: Radarwagen, Munitions- und Truppentransporter. Als Neuentwicklung besonderer Art erlangte der Saurer-Schützenpanzer internationale Bedeutung.

Saurer-Schwerlastwagen wurden in Österreich durch eine perfekte Organisation in allen Bundesländern betreut. 30 gut eingerichtete Reparatur-Werkstätten mit fachlich geschultem Personal standen zur Verfügung. Ein Zentralersatzteillager in Wien versorgte jeden Punkt Österreichs mit benötigten Ersatzteilen innerhalb weniger Stunden. Außerdem befanden sich Werkstätten in der Bundesrepublik Deutschland, in Jugoslawien und Spanien.

1970 beschlossen die STEYR Werke den Lastkraftwagenbau von SAURER einzustellen.

Die letzte Lizenzzahlung an Saurer-Arbon erfolgte im Februar 1971.

Die Nutzfahrzeugsparte ging nach STEYR. Die Busfertigung wurde1990 an die VOLVO –Bus Corporation verkauft, welche diese im Jahre 1999 einstellte und nach Polen verlegte. Heute werden im ehemaligen SAURER Werk nur mehr Spezialfahrzeuge (Panzer) von General Dynamics gebaut.

Die Saurerwerke haben einen entscheidenden Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Österreichs geleistet.

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